Franz-Leopold

Was ist passiert?

Ich stelle hier erstmal einen Text ein, den ich ca. 3 Wochen nach dem Unfall selber geschrieben habe, unverändert.

________________________heute ist der 14.02.2015, 2,5 Jahre nach dem Unfall

 

 

Franz-Leopold Tristan Gunnar Stendel, geb. am 07.09.2006, neu geboren am 03.06.2012

 

Seine Familie: Antje und Gunnar (Franz-Leopolds Eltern)

                        Ronja (11)

                        Carl-August (7)

                        Franz-Leopold (5)

 

Die Geschichte von Franz - erzählt von Papa Gunnar

 

Unser Sohn Franz Leopold war am 1. Juni 2012 auf einem Kinderfest. Er hat dort übernachtet.

Am Vormittag des 2.Juni begann für Franz und uns eine völlige Kehrtwende unseres bisherigen Lebens. Franz ist an diesem Vormittag gegen 9,30 Uhr  in einen Teich gefallen und ertrunken. Wie wir jetzt wissen, ist er eigentlich laut Fachwelt Beinahe-Ertrunken.  Mit einer Körpertemperatur von 24,5 Grad wurde er nach etwa 15-25 Minuten unter Wasser aus dem Teich gefischt und reanimiert. Per Rettungshubschrauber ist er in die nächste Kinderintensivstation ins 200 km entfernte Kiel geflogen worden, wo er etwa 2,5 Stunden nach dem Unfall ankam.

 

 Zu dieser Zeit war ich mit seinen beiden Geschwistern zu Hause. Das Kinderfest, was Franz besucht hat, war etwa 80 km von zuhause weg. Die Nachricht ereilte mich am Telefon.  Antje war in Östereich.

 

Nach langen hin und her und bis ich wusste, wo er ist, bin ich endlich gegen 15,00 Uhr bei Ihm in Kiel angekommen.  Die Ärzte haben mir seinen Zustand erklärt und mir klar gemacht, daß seine Überlebenschancen ausgesprochen gering sind, die Wahrscheinlichkeit geistig unbeschadet das zu überstehen praktisch Null.  Antje war aus dem 1000km entfernten Östereich bereits unterwegs. Sein Herz schlug. Sonst nichts. Gegen 19,00 Uhr wurde mir erklärt, daß sein Zustand mittlerweile schlechter geworden war.  Die letzten kleinen Aussichten waren vorbei. Sein Zustand chancenlos. Keinerlei nachweisbare Gehirnaktivität. Ich wurde sehr einfühlsam auf den Verlust meines Sohnes vorbereitet. Antje wurde darüber per Telefon vom Chefarzt informiert, etwa 2 Autostunden vor Kiel. Ich bat an Franz nichts zu verändern und weiterzukämpfen. Ich wollte diese Nachricht seines Endes nicht akzeptieren. Meiner Bitte, vor Antjes Eintreffen keine Hirntoddiagnostik durchzuführen kamen die Ärzte nach.  Antje kam dann gegen 22,30 Uhr bei uns an. Auch sie wollte das Ende von Franz nicht hinnehmen. Antje hat sich zu ihm in das Bett gelegt und ich habe bei beiden gesessen.

 

Seine Schwester Ronja war zu der Zeit auch bei uns. Carl-August war kurzfristig woanders unterbracht. So schnell ich konnte, habe ich Carl-August am nächsten Tag geholt und versucht, ihn auf den Verlust seines Bruders vorzubereiten. Wir haben alle  Lieblingskuscheltiere von Franz eingepackt um sie ihm ans Bett zu bringen. Seine Robbe war ihm besonders wichtig.

 

Gemeinsam mit den beiden Geschwistern Carl-August und Ronja haben wir  gehofft und uns auf den sehr wahrscheinlich bevorstehenden Abschied von unserem Sohn und Bruder vorbereitet. Die Geschwister waren bei uns und auch bei Franz. Fast pausenlos haben wir als ganze Familie die ersten 72  Stunden auf der Intensivstation verbracht und alle Kraft und Liebe an Franz gesendet.

 

Was auch immer in dieser Nacht geschehen ist, Franz hat in ganz kleinen Schritten angefangen zurück zu kehren. Seine  Augenbraue hat sich bewegt. Das war das erste, was ich in der ersten Nacht  wahrgenommen habe. Es war auf jeden Fall Grund genug, um weiterzukämpfen, auch wenn es schier aussichtslos sch­­­­­­ien.

Für uns ist er in dieser Nacht des 3. Juni 2012 neu geboren.

 

Stück für Stück  haben in den darauffolgenden Tagen seine Organe die Arbeit wieder aufgenommen, alle, unerwartet. Das Wasser ist langsam aus Ihm raus, aus der Lunge, dem Magen, dem Darm und in aus allen Gefäßen und Leben rein. Der Geruch von gemischt aus modrigem Teichwasser und einem Heuaufguss wich allmählich. Regungslos lag er an etlichen Schläuchen, Beatmungsgerät und Herz-Lungenmaschine da. Sein Herz schlug weiterhin und wurde immer stabiler.  Nach einigen Tagen hatte er wieder eine normale Farbe und sein Körper hat technisch fast einwandfrei funktioniert. Jede kleine Chance in eine nach Vorne gerichtete Richtung hat er genutzt. Er hat entgegen der Regel keine nachfolgende Lungenentzündung und kein Gefäßzerstörenden Hirnödem bekommen. Dafür aber eine unangenehme Entzündung in der Bauchdecke, welche chirurgisch entfernt wurde. Mit der offenen Wunde wird er auch noch eine Weile zu tun haben. Eine Arterie ist ihm zweimal geplatzt. Beide Male  folgte eine sofortige Not-OP. Bisher hat er das Alles überstanden. Nach etwa drei Wochen wurde das Narkosemittel langsam runter gefahren. Den körperlichen Überlebenskampf hat er bis jetzt gemeistert. Ab diesem  Zeitpunkt wird auch klar, in welcher geistigen Verfassung er ist, seine Gehirnfähigkeiten, was er noch hat, was ihm fehlt. Wie lange es dauern wird und wie sein geistiger Zustand sich entwickelt   und wie sein und unser  künftiges Leben aussehen wird, wissen wir noch nicht, aber bald.  Unsere Hoffnungen und unser Glaube an die Stärke unseres Sohnes sind sehr sehr  groß.  

  

Es ist der 26. Juni, 24 Tage nach dem Unfall. Wir reden über Reha und unseren neuen Alltag, viel per Telefon. Antje ist seitdem in Kiel, ab und zu fahre ich hin. Ich versuche einen normalen Alltag mit den beiden anderen Kindern zu Hause. Antjes Mutter ist bei mir und hilft. Kiel ist von uns 250 km entfernt. Unsere Familie ist im Moment räumlich zerrissen. Trotzdem werden wir für uns und für Franz-Leopold nach vorne schauen. Auf jeden Fall geht das Leben weiter, und wenn sich Franz nicht irgendein Unsinn einfallen lässt, bleiben wir auch zwei Eltern und drei Kinder.

 

Fortsetzung folgt.